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Tuesday, November 8, 2011

Selbstbewußtsein und die Kraft der Worte – Michael Ehlers im Gespräch


Das vielfältige Angebot, das die Orchestermusiker der Sommer Oper in diesem Jahr in Bamberg erwartet hat, ging über die reine Probenarbeit an "Le nozze di Figaro" weit hinaus. Neben Workshops in historischer Aufführungspraxis stand auch Vorspieltraining für die zukünftigen Orchestermusiker auf dem Programm. Neben Musikern der Bamberger Symphoniker stand Ihnen dabei auch der renommierte Kommunikations- und Rhetorik-Trainer Michael Ehlers zur Seite. Von seiner Arbeit berichtet er im folgenden Interview:

Sehr geehrter Herr Ehlers, Sie sind als Kommunikations- und Rhetorik-Trainer erfolgreich und hochbeschäftigt, unterrichten an verschiedenen Akademien und betreiben ein eigenes Institut. Wer gehört normalerweise zu Ihren Kunden, was vermitteln Sie ihnen?

Im Institut entwickeln wir komplexe Kommunikations-­Strategien. Zu unseren Kunden gehören etwa die Erba-Insel in Bamberg oder Schaeffler. Es gibt große Bauprojekte, deren Investoren daran interessiert sind, was die Menschen über ihre Vorhaben und Entwicklungsgebiete denken, welche Zukunftsvorstellungen sie dafür haben. Wir erstellen zum einen mit empirischen Methoden ein Meinungsbild, zum anderen entwickeln wir Strategien, wie man die Bevölkerung am schnellsten über die Vorhaben informieren und sie und ihre Ideen gegebenenfalls auch mit einbinden kann. Städte und Kommunen unterstützten wir auch bei Bürgerbeteiligungs-Prozessen, wie z.B. gerade die Neugestaltung der Innenstadt in Bad Kissingen, an denen sich die Bürger und verschiedene Interessensgruppen beteiligen können.

Mein zweiter Schwerpunkt ist die Rhetorik: Ich war seit meinem 18. Lebensjahr davon fasziniert, dass man Worte auch bewusst einsetzen kann, um Ziele zu erreichen. Und das viel bewusster, als es der normale Mensch macht. Ich habe darauf hin eine entsprechende Ausbildung an der Akademie für Führungskräfte in Bad Harzburg absolviert. Habe mich zum Rhetoriktrainer ausbilden lassen und nebenberuflich angefangen, Rhetorik-Trainings zu geben. Heute doziere ich an den St. Gallener Management-Instituten zum Thema „Rhetorik/Verhandeln“. Es geht dabei immer darum: Wie wirke ich auf andere, wie kann ich mein Thema entsprechend vermitteln? Recht haben und Recht bekommen sind bekanntlich zwei verschiedene Dinge. Und um Recht zu bekommen, muss man kommunizieren können. Dazu gehört, sein Gegenüber zu verstehen und auch ein wenig „lesen“ zu können. Selbst in der Musik, um eine Brücke zur Sommer Oper zu schlagen, ist es auch manchmal so, dass nicht immer der musikalisch Beste gewinnt, sondern der, der sich am besten verkaufen kann. Und das ist mein Thema: Einem Menschen, der etwas gelernt hat und der etwas kann, Werkzeuge an die Hand zu geben. Dass er es auch nach außen zu transportieren weiß. Dass andere Menschen sehen, was in ihm steckt.

Mit wem arbeiten Sie normalerweise?
Vor allem mit Führungskräften, Unternehmern, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Politikern. Ein aktuelles Beispiel: Ich coache eine Dame, die ein Buch namens „Der Klimaschatz“ herausgebracht hat. Es trägt erstmalig Projekte zusammen, die mit wenig Geld große Mengen an CO2 sparen und nach kurzer Zeit auch profitabel sind. Das erklärt sie an 50 praktischen Beispielen. Die Autorin hat vorher noch nie in der Öffentlichkeit gestanden und lässt sich deswegen coachen. Manchmal bitten mich auch Unternehmer, die in einem meiner Seminare saßen, Ihre Vertriebsmitarbeiter für Verkaufsgespräche zu schulen.

Haben Sie vor der Sommer Oper auch schon einmal mit Musikern gearbeitet?
Ab und zu, aber im Opernbereich noch nicht. Das ist eine Premiere für mich, auf die ich mich nebenbei erwähnt, sehr gefreut habe! Als Trainer ist es mir wichtig, die Teilnehmer auf eine emotionale Reise mitzunehmen. Der Verstand allein bringt mich nicht zu einer Verhaltensänderung. Um harte Übungen kommt man nicht herum. Nur wenn ich weiß, wie ich unter Stress reagiere, kann ich Werkzeuge nutzen um meine Wirkung zu verbessern. Mit einer so großen Gruppe kann man nicht zu sehr in die Tiefe gehen, deswegen habe ich vor den Orchestermusikern einen Impulsvortrag gehalten. Aber man kann an einigen Beispielen durchaus die Körpersprache analysieren und Auftritte optimieren. Wie geht jemand zu seinem Platz, vermittelt er den Eindruck, ein Teamplayer zu sein? Man kann Werkzeuge vermitteln, um Sicherheit auszustrahlen, obwohl es in einem vollkommen rumort. Richtig viel Freude hat mir das Auttrittscoaching gemacht. Hier haben wir das Probespiel simuliert und die Musiker haben von den Fachleuten ein musikalisches Feedback erhalten. Ich konnte ihnen unter Zuhilfenahme von Videotechnik eine Rückmeldung zum Thema Körpersprache und Wirkung geben. Die Musiker haben mir anschließend die Rückmeldung gegeben, dass sie zukünftig viel selbstbewusster in das Probespiel gehen können. Das kann schon den Ausschlag geben, ein Engagement zu erhalten. Denn an der Musik kann es nicht liegen. Ich war von jedem einzelnen Künstler unglaublich beeindruckt. Musikalisch waren sie alle, aus meiner Sicht eines Amateurs natürlich, perfekt!

Es ging also um typische Vorspielsituationen?
Genau. Und dazu kann ich den Musikern eine Art von Rückmeldung geben, die sie in dieser Hinsicht sonst nicht bekommen! Auch ein Manager zum Beispiel bekommt von Kunden oder Mitarbeitern selten eine ehrliche Rückmeldung oder gar Verbesserungsvorschläge. Wir Menschen sind oft viel zu harmoniebedürftig, als dass wir uns diesbezüglich klar ausdrückten. Ich mache das.

Das ist für die Musiker sicher sehr hilfreich. Denn wenn sich die musikalischen Fähigkeiten mehrerer Kandidaten auf demselben Niveau befinden, entscheiden schließlich andere Faktoren. Wie kam denn der Kontakt zur SOB zustande?
Till Fabian Weser, der künstlerische Leiter, war auf der Suche nach einem derartigen Angebot und hat mich aufgesucht. Weil mich das ganze Projekt wirklich begeistert und ich gerne in meiner Heimatstadt arbeite, habe ich sofort zugesagt.

Also auch ein Beispiel für die Überzeugungskraft der Worte ...
Absolut. Er macht das sehr gut und vertritt eben auch eine gute Sache. Gut für Bamberg und das kulturelle Angebot, das einen wichtigen Teil der Stadt ausmacht. Wir haben die zweithöchste Kulturdichte Bayerns. Ich finde es vor allem wichtig, dass eine Institution junge Menschen mit diesem Thema in Verbindung bringt. Auf bewusste Außenwirkung wird in Deutschland leider viel weniger Wert gelegt als in anderen Ländern. Insbesondere in England und Amerika, dort misst man sich in den Debattierclubs der Schulen selbstverständlich mit anderen. In den USA habe ich mit den National Champions of Debating trainiert, Schüler zwischen 14 und 17 Jahren. Wenn diese im Berufsleben später einmal auf einen deutschen Ingenieur treffen, dessen Ausbildung sehr sachorientiert ist, reden sie ihn in kurzer Zeit an die Wand. Deswegen unterstütze ich gerne alles, was jungen Leuten in dieser Hinsicht weiterhilft. Wir haben u.a. kostenfreie Rhetorik-Seminare für Schüler des Clavius Gymnasiums angeboten und Teilnehmer von Debattier-Wettbewerben gecoacht, das ist uns sehr wichtig. Herr Weser hat mit seiner Idee also offene Türen eingerannt!

Wie ist Ihre persönliche Beziehung zur Musik und zur Oper?
Musik ist mir sehr wichtig. Das erste oder zweite, was sie in meinem Büro entdecken, ist eine schöne elektrische Gitarre. Ich habe einen sehr zeitintensiven und stressigen Beruf. Nach einem von mehreren Hörstürzen habe ich mich darauf hin wieder des Gitarrespielens besonnen. Dabei kann ich sehr gut entspannen. Ich habe auch in einer Band gespielt, allerdings vor allem Rock-Musik. Das gibt mir viel Kraft. Ich bin ein großer Fan der Bamberger Symphoniker, gehe aber mit meiner Frau auch gerne ab und zu in die Oper. Am 9. Oktober habe ich eine Aufführung von „Le nozze di figaro“ der Sommer Oper Bamberg besucht und war sehr beeindruckt!

Kraft der Worte, Kraft der Musik, das passt wunderbar zusammen. Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Maximilian Rauscher.

Monday, October 3, 2011

"Die Qualität stimmt" – Till Fabian Weser über die Proben zu "Le nozze di Figaro"

Die Premiere von 'Le nozze di Figaro' steht kurz bevor. Am 4. Oktober wird sich im ETA Hoffmann-Theater Bamberg der Vorhang zum ersten Aufführung der Sommer Oper Bamberg 2011 heben. Von den Proben der letzten Wochen berichtet Till Fabian Weser, der künstlerische Leiter der Sommer Oper Bamberg:


Lieber Till, wir haben zuletzt vor dem Eintreffen des Orchesters gesprochen. In den letzten Wochen ist einiges passiert, alle Einzelteile haben sich zu einem Ganzen gefügt und eine Opernproduktion ist entstanden. Wie liefen die Proben?
Wir haben erstmalig die Sommer Oper Bamberg ohne eine Tutti-Probe begonnen, sondern gleich mit den Satzproben angefangen. Bei ‚La Bohéme‘, die wir im Jahr 2009 aufgeführt haben, war es sinnvoll, zum Kennenlernen des Stücks gleich am Anfang einen Durchlauf zu machen, vielleicht sogar mit dem einen oder anderen Sänger, um ein Gefühl für die Puccini-typischen Rubati zu bekommen. Bei Mozarts ‚Le nozze di Figaro‘ war allerdings zunächst einmal Handwerk gefragt, und das haben die Dozenten sehr gut vorbereitet und exzellent vermittelt. Michi Gaigg etwa hat wirklich tolle Streicher-Klangfarben zustande gebracht und zum Beispiel knirschende und klopfende Klänge für ‚Non più andrai‘, den Marsch am Ende des ersten Aktes, in den Geigen herausgearbeitet. Wir haben uns am Ende eines Gruppenprobetages allerdings immer eine halbstündige Durchlaufprobe erlaubt und die Ouvertüre oder ein Finale ausprobiert. Das Orchesters ist sehr homogen, und das Niveau deutlich höher als in den Jahren zuvor, das liegt daran, dass wir Probespiele veranstaltet haben. Ohne die wird es in Zukunft nicht mehr gehen, sie haben sich sehr bewährt.

Wie lange haben die Satzproben gedauert?
Drei Tage. Und wir hatten wunderbare Dozenten, die mit den einzelnen Gruppen intensiv geprobt haben. Neben Michi Gaigg waren das Kristin von der Goltz für die tiefen Streicher, Claire Genewein für die Holzbläser, Jonathan Pia für die Trompeten, Szabolcs Zempléni für die Hörner, Robert Cürlis für Pauke und Pilar Montoya Chica für Hammerklavier / Korrepetition.
Hörner und Trompeten spielen auf historischen Instrumenten, auch die Pauke verwendet Holzschlägel. Diese "Ingredienzien" prägen den Klang des Orchesters, das ansonsten auf modernen Instrumenten spielt, entscheidend. Das Orchester ist überaus motiviert und brannte nach den Satzproben geradezu danach, zusammenspielen zu dürfen. Wir sind in den gemeinsamen Proben der darauf folgenden Tage ohne Hast durch die Oper gekommen. Es war für mich, als künstlerischem Leiter, einerseits wichtig, darauf zu achten, dass etwa Klarinette, Pauke und Trompete nicht all zuviel Leerlauf haben, und dabei trotzdem die Probendramaturgie so einzurichten, dass alles, was besonders sorgfältig geprobt werden musste, genug Raum erhält. Jetzt stehen wir kurz vor der Premiere und haben die Generalproben hinter uns.

Gab es denn mehrere?
Ja, wie hatten zwei Generalproben. Wir haben die Hauptprobe umgewidmet, damit beide Ensembles die Chance auf eine gleichwertige Generalprobe bekamen, beide auch mit ein wenig Publikum. Alle, die die SOB von früher kennen sind beeindruckt von der Orchersterleistung. Auch die Sänger sind sehr gut. Sänger die sich eine Partie teilen, haben für ihre Arien manchmal ganz eigene Tempovorstellungen, für die ich innerhalb einer gewissen Grenze die Freiheit lassen möchte. Und da habe ich mit Freude bemerkt, wie flexibel das Orchester reagiert, wenn sich bewusst ein paar Zahnrädchen bei unseren Proben verändert habe. Und bei der letzten Generalprobe war dann endgültig klar, dass das Orchester auf hohem Niveau Oper begleiten kann. Die Gesamtqualität der Produktion ist hoch. Auch der Chor ist sehr gut vorbereitet und tanzt sogar zum Fandango, den wir zusätzlich mit Kastagnetten gewürzt haben. Insofern wird es eine runde und spannende Sache und ich freue mich sehr auf die Premiere.



Monday, June 27, 2011

Das Orchester steht! – Vorspiele zur Sommer Oper Bamberg 2011 beendet



Nach dem Sänger-Ensemble, das aus den Vorsingen im April hervorgegangen ist (und das wir an dieser Stelle regelmäßig vorstellen), stehen nun auch die Mitglieder des Orchesters fest. Zwischen Mitte Mai und Anfang Juni fanden Probespiele in mehreren europäischen Städten statt, in Mannheim, Berlin, Nürnberg und Düsseldorf, sowie an den Partnerhochschulen in Linz, Salamanca und Vicenza.

"Die Vorspiele haben wir in diesem Jahr zum ersten Mal anberaumt", erzählt Till Fabian Weser, der künstlerische Leiter der Sommer Oper Bamberg. Er ist herumgereist, hat sich die jungen Musiker angehört und aus den besten das Orchester für 2011 zusammengestellt. "Und es hat sich gelohnt: Das wird ein sehr gutes Orchester mit wunderbaren Mitgliedern, auf das man wirklich gespannt sein darf. Besser noch, als beim letzten Mal. Und das ist ja auch wichtig, wenn wir Le nozze di Figaro einstudieren wollen".

Ganz im Sinne des internationalen Geistes, der die Sommer Oper Bamberg prägt, kommen die jungen Musikerinnen und Musiker aus den unterschiedlichsten Ländern, aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Tschechien, Ungarn, Rumänien, Italien, Spanien, Luxemburg, Litauen, Japan und der Türkei. "Besonders groß war das Interesse an den Vorspielen übrigens in Spanien", stellt Till Fabian Weser fest, "die jungen Musiker dort sind unglaublich gut vernetzt und haben sich in großer Zahl beworben."

Einige der Orchesterteilnehmer haben gerade ihr Studium abgeschlossen, andere eben erst damit begonnen. Doch das allein sagt noch nichts aus. Es ist das musikalische Können, das zählt, und das hängt nicht nur vom Alter ab. Die jüngste Teilnehmerin, die mit ihrem anrührenden Celloton die Jury begeisterte, wird zu Beginn der Proben gerade einmal 18 Jahre alt geworden sein.

Sie und ihre Kollegen erwartet ein dichtes und vielfältiges Programm. Sie werden die Oper einstudieren, in mehrwöchigem Zusammenspiel ihre Klangkultur schulen und gemeinsam Kammermusik betreiben. Und ganz am Anfang können sie sich Kenntnisse in historischer Aufführungspraxis erarbeiten, angeleitet von Meistern ihres Faches wie der bekannten Barockgeigerin Michi Gaigg, der Barockcellistin Kristin von der Goltz, der Traversflötistin Claire Genewein und der Spanischen Cembalistin und Tänzerin Pilar Montoya. Mitglieder der Bamberger Symphoniker unterstützen sie zudem mit Vorspieltraining.

Wir dürfen uns also auf ein hochmotiviertes, musikalisches und bestens präpariertes Orchester und eine vielversprechende Sommer Oper Bamberg 2011 freuen. Vom Ergebnis kann man sich dann zwischen dem 4. und 12. Oktober im E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg überzeugen.

Wednesday, May 18, 2011

Orchesterprobespiele in Europa | Sänger-Casting im Fernsehen

Die Orchesterprobespiele sind in vollem Gang. Nach Mannheim, Berlin und Salamanca folgen in den nächsten Tagen noch Vicenza, Nürnberg, Linz, Prag, Stockholm und Düsseldorf. Wir werden demnächst ausführlicher dazu berichten. In der Zwischenzeit sei noch ein kleiner Fernsehbeitrag von TV Oberfranken zum Sänger-Vorsingen im April nachgereicht. Viele Vergnügen.

Monday, March 21, 2011

„Lesen, ganz viel lesen!“ Die Flötistin Claire Genewein im Gespräch

Mozarts „Le nozze di Figaro“ steht diesmal auf dem Programm der Sommer Oper Bamberg. Um den Stil der Zeit und die spezifischen Besonderheiten der Musik des späten 18. Jahrhunderts noch besser kennenzulernen, beginnt die Orchesterprobenphase für die jungen Musikerinnen und Musiker mit einem mehrtägigen Workshop zu historischer Aufführungspraxis. Eine der Dozentinnen: die Traversflötistin Claire Gennewein aus Zürich.

Nach ihrem Studium der Querflöte in Salzburg und dem Konzertdiplom bei Philippe Racine in Zürich spezialisierte sie sich mit einem Diplom in Alter Musik an der Schola Cantorum Basiliensis mit dem Hauptfach Traversflöte und ergänzte es durch einen Master am Royal Conservatorium in Den Haag bei Barthold Kuijken. Claire Genewein arbeitet als freischaffende Flötistin in Ensembles wie La Cetra, Venice Baroque Orchestra, L’Arcadia, Ensemble Miroir und Neue Hofkapelle München. Sie spielte unter der Leitung von Gustav Leonhardt, Andrea Marcon, Jordi Savall, Geoffrey Lancaster, William Christie u.a. Seit Herbst 2006 lehrt sie an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz Traversflöte und historische Aufführungspraxis.

Sommer Oper Bamberg Frau Gennewein, Sie werden als Dozentin den Holzbläser die historische Aufführungspraxis näherbringen. Geht das überhaupt in drei Tagen?

Claire Gennewein Das ist natürlich nicht sehr viel. Aber ich glaube, es geht dabei vor allem darum, dass man heute als Musiker viele verschiedene „Sprachen“ und ihre Grammatiken kennen muss. Man kann sich Mozarts Musik-Sprache natürlich viel sinnvoller nähern, wenn man das von der Renaissance, dem Barock, der Frühklassik aus macht, als wenn man von der Moderne zurückblickt.
Es ist unsere Aufgabe als Dozentinnen, den Musikern zu zeigen, wie man damals „gesprochen“ hat – und wie nicht. Im modernen Musikstudium geht das leider oft unter, weil man gezwungen ist, am gleichen Tag Schostakowitsch, Mozart und Bach zu spielen. Das wichtige ist, diese verschiedenen Sprachen zu kennen und zu unterscheiden. Das fängt bei den Verzierungen an, bei der Bedeutung eines Legatobogens – das ist in der Romantik eben völlig anders als im Barock oder in der Klassik. Und dann natürlich der Klang der Bläser, er ist schlanker als heute, aber das kann man auch auf modernen Instrumenten bewerkstelligen, wenn man nicht so dick spielt, ohne Vibrato … Auch eine moderne Flöte klingt ohne Vibrato gut, das hört man ja auch zunehmend bei Orchestern. Ich glaube, das kann man in drei Tagen schon sehr gut zeigen.

SOB Ist die historische Aufführungspraxis, die vor 20 Jahren noch eine Spezialdisziplin oder – aus der Sicht mancher Musiker – sogar eine etwas abseitige Disziplin gewesen ist, inzwischen "Mainstream" geworden? Wirkt sie sich auf die Spielkultur aus?

„Harnoncourt haben wir sehr viel zu verdanken; er hatte eine ganz andere Klangvision ... ”C.G. Ich denke schon. In der Alten Musik dominiert sie schon fast den Markt. Als Musiker muss man heute anders ausgebildet werden. Es ist meine Vision, dass das, was Nikolaus Harnoncourt damals an der Oper Zürich eingeläutet hat – er hat an einem "normalen" Opernhaus erst einmal mit historischen Blechbläsern angefangen –, sich überall durchsetzt, so wie jetzt auch bei der Sommer Oper Bamberg. Und gerade haben wir in Zürich "Le nozze di Figaro" mit einem Orchester gespielt, das komplett auf historischen Instrumenten musizierte. Für die Bläser holt man sich zwar externe Unterstützung, aber in Zürich klappt das schon ganz toll. Darin liegt die Zukunft der Orchestermusiker. Harnoncourt haben wir sehr viel zu verdanken; er hatte eine andere Klangvision und hat das einfach gefordert, auch an einem "normalen" Opernhaus. An der Oper Zürich hat er auch schon damals Workshops veranstaltet, in denen sich die Musiker weiterbilden mussten. Wenn man da heute Schumann oder Schubert hört, dann klingt das einfach anders, weil diese Musiker historisch gebildet sind. In der Wissenschaft gehört das schon immer dazu, und die Musik war ja im Mittelalter noch ein Teil davon, als eine der sieben freien Künste. Ich finde, man muss als Musiker selber denken und forschen dürfen.

SOB Sie arbeiten ja auch gerade an einer Doktorarbeit …

C.G. Ja, ich forsche gerade über Baldassare Galuppi und den vokalen Einfluss auf die Instrumentalmusik in Italien. Da habe ich etwas ganz Spannendes entdeckt, in einem Text aus Rom von 1780, also genau zu Mozarts Zeit. Darin wird den Instrumentalmusikern empfohlen, sich einen Text zu suchen, der zu ihrem Musikstück passt, und es damit zu unterlegen. Sie sollten es zunächst singen, dann erst spielen. Ein ganz interessantes Lernkonzept …

SOB Wie sind sie selbst zur historisch informierten Aufführungspraxis gekommen?

„Zur alten Musik bin ich eigentlich sogar wegen Karlheinz Stockhausen gekommen.”C.G.Eine Schlüsselstelle war für mich die Schola Cantorum Basiliensis. Als ich dort studierte, fand ich es unglaublich befreiend, dass der Lehrer nicht gesagt hat, „so geht’s“, sondern „es könnte so sein, sieh mal da nach, lies mal da“. Es war ein breit angelegtes Suchen nach den Musiksprachen, die man damals gesprochen hat, in Tagebüchern und in Quellen. Auch mit Hilfe von anderen Instrumenten; jeder Instrumentalist ist sonst oft auf seinen Bereich fixiert. Ich habe mich sehr mit Gesang beschäftigt, mit Rezitativen. Das weitete den Horizont unglaublich.

Zur alten Musik bin ich eigentlich sogar wegen Karlheinz Stockhausen gekommen. Ich habe damals sehr viel Stockhausen gespielt und auch mit ihm gearbeitet. Und dabei gemerkt: Obwohl bei ihm alles notiert ist, ist es immer noch so anders, wenn man ihn selber erlebt. Das musste ja mit der Alten Musik auch so sein. Genau diesen Weg wollte ich dann auch einschlagen und so nah wie möglich auch an die Komponisten herankommen, die man nicht mehr einfach anrufen kann. Aber man kann lesen, ganz viel lesen. Und während meiner Zugfahrten zwischen Linz und Zürich habe ich dazu auch immer wieder genug Zeit.

SOB Dann freuen wir uns auf einen spannenden Workshop und auf einen Mozart mit ganz neuem Bewusstsein. Herzlichen Dank für das Gespräch!


Bewerbungsschluss für Musikerinnen und Musiker ist der 22. April 2011.
Weitere Informationen hier.


Thursday, March 3, 2011

Die Sommer Oper Bamberg zu Besuch in Wien


Bild: MCR | Sommer Oper Bamberg
Pressegespräch in Wien
Bild: MCR, Sommer Oper Bamberg
Am 28. Februar 2011 war das Team der Sommer Oper Bamberg zu Gast in der Donaumetropole. Hatte am Vorabend mit "The Rape of Lucretia" noch die gefeierte Aufführung von Benjamin Brittens Oper mit Angelika Kirchschlager in der Hauptrolle (siehe letzter Post) auf dem Programm gestanden, so stellten die Protagonisten der Sommer Oper Bamberg am Montag Mittag bei einem Pressegespräch den österreichen und deutschen Medien Projekt und Pläne für das Jahr 2011 vor.

Mit dabei (von links nach rechts):
– Claire Genewein (Flötistin, Dozentin für historische Aufführungspraxis, Zürich und Linz)
– Dr. Thomas Goppel, MdL (Vorsitzender des Fördervereins der SOB)
– Prof. Dr. Marianne Betz (Rektorin der Anton Bruckner Privatuniversität Linz, Projektpartner)
– Kammersängerin Angelika Kirchschlager (Meisterkurs 2011)
– Till Fabian Weser (künstlerischer Leiter der SOB)
– Katherine Heid (Reseo, European Network for Opera & Dance Education, Brüssel)

Wien hatte man nicht nur gewählt, weil Angelika Kirchschlager hier wohnt, die den diesjährigen Sänger-Meisterkurs leiten wird. Es ist auch das erklärte Ziel der Sommer Oper Bamberg, als durch und durch europäisches Projekt über die Grenzen Bambergs hinaus im Musikleben der Metropolen Europas präsent zu sein – und gleichzeitig zu demonstrieren, dass Nachwuchsförderung und höchste musikalische Qualität nicht nur dort stattfinden muss, wie Dr. Thomas Goppel, Vorsitzender des Fördervereins betonte. Mit dem zunächst in Wirtschaftskreisen gepflegten Ausdruck "think globally, act locally" umschrieb Till Fabian Weser, künstlerischer Leiter der Sommer Oper Bamberg, genau dieses Ansinnen des Orchester- und Opernworkshops.

Er präsentierte mehrere Neuerungen der vierten Ausgabe: Erstmals wird es bereits im Vorfeld Orchesterprobespiele geben, die an mehreren europäischen Partneruniversitäten durchgeführt werden – u.a. an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz, deren Studenten besonders von der gegenseitigen Verflechtung unterschiedlichester Musik-Studiengänge profitieren. Dieses Konzept der musikalischen Begegnung attestierte die Linzer Rektorin, Prof. Dr. Marianne Betz, auch der Sommer Oper Bamberg: Im gemeinsamen Orchesterspiel würden nicht nur Menschen, sondern auch Musiksprachen aus aller Welt in fruchtbarster Weise aufeinandertreffen.

Die Musiker werden sich unter kundiger Anleitung diesmal auch mit historischer Aufführungspraxis auf modernen Instrumenten befassen. Und den Gesangssolisten winkt so mach neues "Zuckerl": Ein Stipendium, ein Engagement am Mainfranken-Theater oder die Vertretung durch eine Agentur können errungen werden.

Angelika Kirchschlager sieht der Arbeit mit den jungen Sängerinnen und Sängern bereits mit großer Freude entgegen. Sie unterrichte, so erzählte sie, nun bereits seit drei Jahren und empfinde es als sehr beglückend, ihre Erfahrungen an den Sängernachwuchs weitergeben zu dürfen. Der Meisterkurs in Bamberg werde übrigens nicht hinter geschlossenen Türen stattfinden, vielmehr sollen sie jedem Interessierten offenstehen. Schliesslich, so sagte sie lachend, "habe ich ja nichts zu verbergen."

Offenheit, gegenseitige Vernetzung und Opernvermittlung fördert auch das "European Network for Opera & Dance Education" (RESEO), als dessen Mitglied die Sommer Oper Bamberg während der Projektphase ein mehrtägiges Fachsymposium ausrichten wird (mehr dazu demnächst).

Teilnehmer, Publikum und Fachwelt dürfen sich also auf ein spannendes Jahr 2011 mit der Sommer Oper Bamberg gefasst machen. Wir halten Sie auf dem Laufenden.

Tuesday, February 1, 2011

Europa leben, Europa erleben

Die Sommer Oper Bamberg ist nicht nur der größte Opern- und Orchesterworkshop seiner Art in Europa, sondern ein wahrhaft europäisches Projekt.

Vor der zauberhaften Kulisse der Weltkulturerbe-Stadt Bamberg, im Herzen des Kontinents gelegen, findet alle zwei Jahre ein wahrhaft internationales Theaterereignis statt. Die alte fränkische Kaiser- und Bischofsstadt wird zu einem ganz besonderer Begegnungsort für junge Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern, die sich in der universalsten aller Sprachen unterhalten – der Musik. Sie treffen neue Freunde und lassen dabei ein Europa entstehen, das nicht von Brüsseler Verordnungen oder bürokratischen Wucherungen geprägt ist, sondern von Kunst und Kultur, von Kennenlernen und gemeinsamen Entdeckungsreisen.

Grenzenlos ...
Grenzen sind dann gar nicht mehr wichtig. Ganz egal, wo jemand geboren wurde oder welchen Pass er besitzt: Wer seinen momentanen Wohnsitz in einem Land der europäischen Union hat, kann an der Sommer Oper Bamberg teilnehmen.

2005, im ersten Jahr, kamen die Teilnehmer aus Deutschland, der Slowakei, Tschechien, Ungarn und den Niederlanden, 2007 bereits aus 11 Länder. Und beim letzten Mal, 2009, trafen Künstlerinnen und Künstler aus 18 Ländern, aus Europa, Südamerika und Asien in Bamberg zusammen.

... Unterwegs:
Im Jahr 2011 gehen wir noch einen Schritt weiter: Wir laden die jungen Musikerinnen und Musiker nicht nur nach Bamberg ein, sondern gehen auch selbst auf Reisen und präsentieren die Sommer Oper Bamberg als internationales Projekt:
Los geht's Ende Februar mit der Pressekonferenz in Wien, bei der Till Fabian Weser und Kammersängerin Angelika Kirchschlager Konzept und Programm der diesjährigen SOB vorstellen werden.

Im Mai und Juni wird es dann, nicht zuletzt auf vielfachen Wunsch der Teilnehmer selbst, mehrere Probespiele geben. Dabei wollen wir nicht nur die Musiker selbst kennenlernen, sondern auch das bestmögliche Orchester zusammenstellen, um die neuen und spannenden Herausforderungen Mozarts und der historischen Aufführungspraxis zu meistern.

Neben Probespielen an mehreren deutschen Hochschulen suchen wir auch in Spanien, Italien, Österreich, Schweden und Tschechien nach hervorragendem Orchesternachwuchs. Probespiele gibt es in:

Mannheim (Staatliche Hochschule für Musik) am 13.05.
Berlin (Hochschule für Musik Hanns Eisler) am 14.05.
Salamanca (Conservatorio Superior de Música) am 16.05.
Vicenza (Conservatorio di musica di Vicenca) am 18.05.
Nürnberg (Hochschule für Musik) am 22.05.
Linz (Anton Bruckner Privatuniversität) am 26.05.
Prag (Academy of Performing Arts) am 31.05.
Stockholm (t.b.a.) am 02.06. und
Düsseldorf (Robert Schumann Hochschule) am 04.06.
Bewerbungsschluss ist am 22. April 2011

Gelebtes Europa
Wir freuen uns auf eine spannende Sommer Oper Bamberg 2011 mit Wolfgang Amadeus Mozarts "Le nozze di Figaro". Denn wenn sich in einem bayerischen Theater dutzende junge Sängerinnen und Sänger, Musikerinnen und Musiker aus vielerlei Ländern zusammentun, um ein italienisches Libretto mit einer Handlung aus Spanien in der Vertonung eines Österreichers mit Können und Spaß zu klingendem Leben zu erwecken, dann ist das gelebtes Europa.

Friday, March 19, 2010

Sommer Oper 2009 - Rückblicke Teil I

Rund ein halbes Jahr nach Probenbeginn zur Sommer Oper Bamberg 2009, die sich erfolgreich mit sechs Aufführungen von Puccinis „La Bohème“ und einem Orchesterkonzert präsentierte, ist die Zeit gekommen um diesen, inzwischen dritten, europäischen Opern- und Orchesterworkshop Revue passieren zu lassen.

Das soll in diesem und den folgenden Blog-Einträgen geschehen.


Allein die bloßen Zahlen, Daten und Fakten erscheinen schon imposant – reichen aber unmöglich aus, um aufzuzeigen, was im Rahmen dieses Workshops stattgefunden hat bzw. geleistet worden ist. Es bleibt auch die Frage, wie unsere Solisten und Instrumentalisten diese intensive Zeit rückblickend betrachten und was sich inzwischen in ihrem Leben und in ihrer künstlerischen Laufbahn ereignet hat. Doch der Reihe nach.






Sommer Oper Bamberg 2009.

Das heißt

- unter anderem allein 74 Bewerberinnen auf die beiden Sopranpartien und Bewerber/innen aus 30 Nationen insgesamt.

- nur zweieinhalb Wochen Probezeit um eine der berühmtesten Opern überhaupt auf die Bühne zu bringen und dort – im E.T.A.-Hoffmann-Theater - sechsmal aufzuführen, sowie ein zusätzliches Kammerkonzert mit einer Uraufführung eines Werkes von Frantisek Fiala zu spielen.

- erstmalig zwei komplette Solistenensembles aus 10 Nationen, die abwechselnd die Aufführungen bestreiten;

- sowie noch mal 38 Orchestermusiker aus rund 15. Nationen.

- nach „Tosca“ (2005) und „Il Tabarro“ / „I Pagliacci“ (2007) das dritte Opernprojekt aus dem veristischen Umfeld und auch das dritte Mal Puccini (neben dem Einakter „I Pagliacci“ von Leoncavollo 2007).

Sommer Oper Bamberg 2009

Das heißt aber auch:

- Kontakte und Freundschaften zu anderen internationalen Künstlern knüpfen.

- jeden Tag mehrere Stunden zu proben und zu lernen und dabei eine unbändige Spielfreude zu entwickeln und entfalten.

- eine Zusammenarbeit von jungen Nachwuchstalenten mit erfahrenen Profis, welche die jungen Musiker nach Kräften unterstützen, beraten und führen. Edda Moser (Gesang); Till Fabian Weser (Orchester und musikalische Gesamtleitung); Rainer Lewandowski (Szene) und Dirk Schauß (Karrieremanagement).

- ein Projekt, das weit über einen normalen Workshop hinausgeht und inzwischen auch viele Künstler außerhalb Europas anzieht

- Bamberg endlich wieder eine feste Operninstitution zu geben

- die Chance Teil eines einmaligen Projektes zu werden und schlichtweg Musik auf dem höchstmöglichen Niveau zu machen

Und so titelte dann auch der Nordbayerische Kurier vom 08. Oktober 2009 „Ein kongeniales Ensemble“ und führte weiter aus: „Das Ensemble ‚Puccini’ bezauberte mit Können, Authentizität und Spielfreude das Publikum.

Das Rathausjournal aus Bamberg zog am 11.November 2009 ein Resumé, setzte mit der Überschrift „Jede Vorstellung ein Erfolg“ noch eins drauf und begründete dies durch „Ausverkaufte Vorstellungen und lang anhaltenden Applaus…[welcher] der verdiente Lohn für die…Sängerensembles…[und das] Orchester [war], die…eine herzzereißende „La Bohème“ auf höchstem musikalischen Niveau am Bamberger Theater sechsmal zur Aufführung brachten.

Und auch das Internetportal Klassik.com bescheinigte der Sommer Oper Bamberg eine in Europa einmalige Form, die „…Sängern und Instrumentalmusikern eine reizvolle und spannende Möglichkeit [gibt], ihr Repertoire zu erweitern und sich mit anderen …Nachwuchskünstlern auszutauschen.